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Geschichte des Jigsaw-Classrooms

Jigsaw in 10 einfachen Schritten

Tips zur Anwendung

Bücher und Artikel zur Jigsaw Methode

Kapitel 1 von Aronsons Buch "Nobody Left to Hate: Teaching Compassion After Columbine"

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Geschichte des Jigsaw-Classrooms
Eine Erzählung von Professor Aronson

Der Jigsaw-Classroom wurde zum ersten Mal 1971 in Austin (Texas) angewandt. Meine gerade graduierten Studenten hatten in diesem Jahr aus einer absoluten Notwendigleit heraus die Jigsaw-Methode entwickelt, um dabei zu helfen, eine explosive Situation zu entschärfen. In den städtischen Schulen war kurz zuvor die Rassentrennung aufgehoben worden, und weil bis dahin in Austin immer die Trennung der Rassen geherrscht hatte, fanden sich zum ersten Mal überhaupt weiße, afroamerikanische und hispanische Jugendliche zusammen im selben Klassenzimmer wieder.

Innerhalb weniger Wochen produzierten langjähriger Verdacht, Angst und Argwohn zwischen den Gruppen eine Atmosphäre des Aufruhrs und der Feindseligkeit. Auf den Korridoren der Schulen und auf Schulhöfen in der ganzen Stadt brachen gewalttätige Auseinandersetzungen aus. Der oberste Beamte der Schulbehörde rief mich an, ob man nicht irgendetwas tun könnte, um den Schülern zu ermöglichen miteinander auszukommen. Nach einigen Tagen der Beobachtung, was in den Schulen vor sich ging, entdeckten meine Studenten, daß die Feindseligkeit zwischen den Gruppen durch die konkurrenzbetonte und auf Wettbewerb beruhende Atmosphäre der Klassenzimmer verstärkt wurde.

Lassen Sie mich erklären: In jeder Klasse, die wir untersuchten, arbeiteten die Schüler individuell und konkurrierten jeder für sich um gute Noten. Hier folgt die Beschreibung einer typischen 5. Klasse, die wir beobachteten:

Der Lehrer stand vor seiner Klasse, stellte eine Frage und wartete auf Handzeichen der Kinder, die eine Antwort wußten. Meistens zeigten dann sechs bis zehn Schüler auf, manche erhoben sich dabei von ihren Stühlen, streckten ihre Arme möglichst weit nach oben, um dadurch die Aufmerksamkeit des Lehrers auf sich zu ziehen. Andere Schüler hingegen saßen still mit abgewendeten Augen da, hoffend, daß der Lehrer sie nicht beachten würde.

Wenn der Lehrer einen der wißbegierigen Schüler erwählte, gab es auf den Gesichtern der übrigen Schüler, die ebenfalls versucht hatten, seine Aufmerksamkeit zu erregen, Blicke der Enttäuschung. Falls der Schüler dann die richtige Antwort geben konnte, lächelte der Lehrer, nickte zustimmend, und ging zur nächsten Frage über. Unterdessen atmeten die Schüler, die die richtige Antwort nicht gewußt hatten, erleichtert auf. Sie sind dieses Mal einer Demütigung entkommen.

Es waren nur einige wenige Tage der Beobachtung und Interviews nötig, um zu sehen, was in den Klassenzimmern vor sich ging. Wir wurden uns bewußt, daß wir den Schwerpunkt darauf setzen mußten, die unbarmherzige, konkurrenzbetonte Atmosphäre in eine mehr kooperative umzuwandeln. In diesem Kontext erfanden wir die Jigsaw-Methode. Unsere erste Intervention führten wir bei Fünftklässlern durch. Zunächst halfen wir den Lehrern, eine kooperative Lernmethode nach der Jigsaw-Strategie für die Schüler zu entwickeln, mit der konkreten Aufgabenstellung, über das Leben von Eleanor Roosevelt zu lernen. Wir teilten die Schüler in kleine Gruppen ein, die jeweils im Hinblick auf ethnische Zugehörigkeit und Geschlecht zufällig gemischt waren, wobei jeder Schüler für einen bestimmten Teil aus Roosevelt’s Biographie verantwortlich war. Überflüssig zu erwähnen, daß ein oder zwei Schüler in jeder Gruppe gleich als „Verlierer“ von ihren Klassenkameraden angesehen wurden.

Carlos war solch ein Schüler. Carlos war sehr schüchtern und unsicher in dieser neuen Umgebung. Englisch war nicht seine Muttersprache. Er sprach zwar sehr gut, allerdings mit einem leichten Akzent. Versuchen Sie, sich seine Erfahrung bewußt zu machen: Nachdem er eine eher unterdurchschnittliche Schule in der Nachbarschaft, die sich ausschließlich aus lateinamerikanischen Schülern wie er selbst zusammensetzte, besucht hatte, wurde er plötzlich quer durch die Stadt in eine Klasse mit angloamerikanischen Schülern geschickt, die flüssig Englisch sprachen, viel mehr zu wissen schienen als er selbst und auch nicht zögerten, ihm das zu zeigen.

Als wir die Klasse so umstrukturierten, daß die Schüler nun in kleinen Gruppen zusammenarbeiteten, war das für Carlos zunächst erschreckend. Jetzt konnte er nicht länger auf seinem Stuhl zusammensinken und sich hinten im Raum verstecken. Die Jigsaw-Methode erforderte, daß er sprach, wenn es an ihm war, vorzutragen. Obwohl er beim Üben mit den anderen, die ebenfalls Eleonor Roosevelts Arbeit mit den Vereinten Nationen zum Thema hatten, ein wenig Selbstsicherheit gewonnen hatte, war er trotzdem zurückhaltend, als es an ihm war, die anderen aus seiner Gruppe zu belehren. Er wurde rot, stotterte, und hatte Schwierigkeiten, seinen Vortrag zu halten. Die übrigen, im Konkurrenzkampf erfahrenen Mitschüler, waren schnell dabei, sich über ihn lustig zu machen.

Eine meiner Assistentinnen hörte einige Mitglieder von Carlo’s Gruppe Bemerkungen machen wie: „Du bist dumm. Du weißt doch gar nicht, was du tust. Du kannst ja nicht mal richtig Englisch sprechen!“ Anstatt sie zu ermahnen netter zu sein, oder zu versuchen zu kooperieren, machte sie eine simple, aber eindrucksvolle Feststellung. In etwa so: „Mit Carlos so umzugehen mag jetzt für euch witzig sein, aber es hilft euch nicht, irgendetwas darüber, was Eleanor Roosevelt bei den Vereinten Nationen durchgesetzt hat, zu lernen. Und die Prüfung wird in 15 Minuten durchgeführt.“ Mit anderen Worten: sie erinnerte die Schüler, daß sich die Situation verändert hatte. Dasselbe Verhalten, das zuvor sinnvoll war, machte es ihnen nun schwer bis unmöglich, eine Prüfung gut zu bestehen.

Überflüssig zu sagen, daß alte, schlechte Gewohnheiten nicht so leicht abgelegt werden können. Aber sie können. Innerhalb weniger Tage mit der Jigsaw-Methode dämmerte es Carlos’ Gruppenmitgliedern, daß sie ihre bisherige Taktik ändern mußten. Es konnte nun nicht mehr länger in ihrem Interesse liegen, Carlos aus dem Konzept zu bringen; es war notwendig geworden, daß er einen guten Vortrag hielt, damit sie selbst anschließend Erfolg haben konnten. In Wirklichkeit war es für sie erforderlich, sich in Carlos’ Lage hineinzuversetzten und die Fragen so zu stellen, daß sie seinen Vortrag nicht beeinträchtigten.

Nach ein oder zwei Wochen hatten sich die meisten von Carlos’ Gruppenmitgliedern in sachkundige und aufgeschlossene Fragesteller verwandelt, die ihm relevante Fragen stellten und ihm halfen, sich bei seinen Antworten klar auszudrücken. Und als Carlos Erfolg hatte, begannen die anderen Gruppenmitglieder ihn in einem positiveren Licht zu sehen. Zudem gewann auch Carlos von sich selbst ein neues Bild, als ein kompetentes Mitglied in der Klasse, das durchaus mit angloamerikanischen Klassenkameraden zusammenarbeiten kann. Sein Selbstbewußtsein wuchs, und parallel dazu verbesserten sich auch seine Vorträge immer mehr. Darüber hinaus begann Carlos die Mitglieder seiner Gruppe als freundlich und hilfsbereit zu betrachten. Die Vorurteile, die die angloamerikanischen Kinder gegenüber Carlos, und die Carlos gegenüber den angloamerikanischen Kindern hegte, schwanden in einem dramatischen Prozeß. Die Schule wurde ein menschenfreundlicher, spannender Ort; Schulkinder schwänzten seltener den Unterricht.

Innerhalb weniger Wochen war der Erfolg der Jigsaw-Methode offenkundig. Lehrer erzählten uns, wie glücklich sie über den Umschwung der Atmosphäre waren. Selbst Besucher drückten ihre Verblüffung darüber aus. Überflüssig zu sagen, daß dies ein aufregender Prozeß für meine Studenten und mich war. Als Forscher brauchten wir allerdings noch mehr objektive Beweise – und wir bekamen sie. Wir hatten die Jigsaw-Methode nach dem Zufallsprinzip in manchen Klassen eingeführt, in anderen jedoch nicht. Dadurch waren wir in der Lage, den Fortschritt der Jigsaw-Schüler mit Schülern aus traditionellen Klassen direkt zu vergleichen. Nach nur acht Wochen gab es bereits eindeutige Unterschiede. Und das, obwohl die Schüler nur einen kleinen Teil ihrer Zeit in Jigsaw-Gruppen verbrachten. Objektiv getestet, äußerten Jigsaw-Schüler erheblich weniger Vorurteile und negative Stereotype, waren selbstbewußter und erzählten eher, daß sie die Schule mochten, als Kinder aus traditionellen Klassen. Außerdem fehlten Kinder in Jigsaw-Klassen seltener als die anderen Schüler. Auch beim Lernen zeigten sie einen besseren Fortschritt; Schüler aus sozial schwachen Familien erzielten im Jigsaw-Classroom signifikant mehr Punkte in Tests, als Schüler in traditionellen Klassen. Gute Schüler schnitten in beiden Klassentypen ähnlich erfolgreich ab.



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