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Jigsaw in 10 einfachen Schritten

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Kapitel 1 von Aronsons Buch "Nobody Left to Hate: Teaching Compassion After Columbine"

Links zu Kooperativem Lernen und Gewalt an Schulen

Über Elliot Aronson und diese Website

Kapitel 1:
Das Schulmassaker von Littleton?

Am 20. April 1999 hallten Gewehrschüsse in den Korridoren, Klassenzimmern und der Bücherei der Columbine High School in Littleton. Zwei haßerfüllte, mit einem ganzen Arsenal von Gewehren und Sprengstoff bewaffnete Schüler liefen Amok, töteten einen Lehrer und mehrere ihrer Mitschüler. Anschließend richteten sie ihre Waffen gegen sich selbst. Nachdem die Schießerei endete, wurde das Gebäude von einem Sondereinsatzkommando gesichert. Dieses fand insgesamt 15 tote Menschen vor (einschließlich der beiden Täter) und 23 Schwerverletzte, die im Krankenhaus behandelt werden mußten. Es war das schlimmste Massaker an einer Schule in der Geschichte der USA.

So entsetzlich es war, wir wissen heute, daß das Blutbad noch viel schlimmer hätte ausfallen können. Die zwei jugendlichen Täter nahmen ein paar Wochen vor dem Massaker Videos auf, die beweisen, daß sie ihre Tat sorgfältig bereits mehrere Monate im Voraus geplant hatten. Tatsächlich hatten Sie drei Rohrbomben verteilt, die nur durch einen technischen Defekt nicht zündeten: Eine Bombe, die ein paar Meilen außerhalb der Schule deponiert war, sollte zuerst explodieren, um die Polizei vom eigentlichen Tatort abzulenken und von der Schule fernzuhalten. Eine zweite sollte in der Cafeteria explodieren und dort möglichst viele Schüler töten. In Panik fliehende Schüler, die das Gebäude verlassen wollten, so wird vermutet, wären dann von Eric Harris und Dylan Klebold draußen erwartet und niedergeschossen worden. Die dritte Bombe war in ihrem vor der Schule parkenden Auto deponiert und so eingestellt, daß sie nach dem Eintreffen der Polizei zünden sollte, um mehr Chaos zu verursachen und die Zahl der Todesopfer noch weiter zu erhöhen. Die Videos zeigen zwei Täter, die fröhlich voraussagen, daß sie, bevor der Tag um sein würde, 250 Menschen töten würden.

Versuchen Sie sich vorzustellen, Sie wären Mutter oder Vater eines Schülers der Columbine High School. An jenem Morgen bereiteten Sie liebevoll ein Pausenbrot für Ihre Tochter und schickten sie, bevor Sie Ihren eigenen Geschäften nachgingen, zur Schule. Sie waren zufrieden in dem Glauben, die Schule sei ein sicherer und geschützter Ort. Sie hörten Radiomusik während Sie im Büro waren, eine Aktennotiz für Ihren Chef schrieben, oder vielleicht fuhren Sie heim vom Supermarkt, als plötzlich die Musik für eine wichtige Nachrichtensendung unterbrochen wurde. Der erschüttert klingende Reporter machte folgende Meldung: „Es hat in der Columbine High School eine Schießerei gegeben. Es scheint, als seien mehrere Schüler getötet, oder schwer verletzt worden. Die Polizei hat das Gebäude umstellt, ist jedoch noch nicht eingedrungen. Die mit Schnellfeuergewehren und Sprengstoff bewaffneten Täter streifen frei umher. Ein paar Schülern ist es gelungen unverletzt zu entkommen, aber die meisten sind noch im Gebäude gefangen.“

Ich habe vier Kinder und fünf Enkel, die allesamt öffentliche Schulen besucht haben, oder besuchen werden. Ich weiß, wie ich mich gefühlt hätte. Ich kann den Schock, die Panik, die die Eltern der Schüler packte nachempfinden. Ich teile die Hilflosigkeit, Verzweiflung und auch Wut, die die meisten Eltern und Großeltern gefühlt haben müssen, während sie die fürchterlichen Ereignisse in den Nachrichten sahen, oder am nächsten Morgen davon in der Zeitung lasen. Bis dahin glaubten die meisten Bewohner der Kleinstädte und Vororte, extreme Gewalttaten seien typische Probleme des alltäglichen Lebens in den Großstädten und bei ihnen undenkbar. Dieser Irrtum traf die meisten Eltern wie ein Schlag: Wenn eine solche Tat in einer Mittelklasse-Gesellschaft wie Littleton passieren konnte, dann könnte es überall passieren. Und unglücklicherweise sah es tatsächlich so aus, als würde es überall passieren: Littleton, Colorado; Conyers, Georgia; Notus, Idaho; Springfield, Oregon; Fayetteville, Tennessee; Edinboro, Pennsylvania; Jonesboro, Arkansas; West Paducah, Kentucky; Pearl, Mississippi; Fort Gibson, Oklahoma.

Ironischerweise geschahen diese Tragödien in einer Zeit, in der Gewalt allgemein und insbesondere Gewalt an Schulen generell abnahm. In den letzten zehn Jahren ist die jährliche Anzahl der Schießereien an Schulen stark rückläufig. Allgemein gesprochen: Unsere Schulen sind sichere Orte. In der Tat wurden Schulen für Jugendliche, die in sozialen Brennpunkten leben, wie den mit Problemen belasteten Innenstädten von Detroit, New York, Los Angeles, Philadelphia und Houston, mittlerweile zu den sichersten Plätzen überhaupt. Bedenken Sie folgende Fakten: Annähernd 50 Millionen Schüler besuchen etwa 108.000 öffentliche Schulen in diesem Land, aber weniger als 1 Prozent der Morde an Heranwachsenden geschehen in oder an unseren Schulen.

Warum also diese Panik? Lassen Sie uns einen näheren Blick wagen. Ja, es hat eine allgemeine Abnahme der Anzahl der Gewalttaten an Schulen gegeben. Aber diese Abnahme ist wohl eher der Tatsache zu verdanken, daß die Schulverwaltungen in einem umsichtigen (und größenteils erfolgreichen) Bestreben, besonders gewaltbereite Jugendliche davon abzuhalten, Waffen mit in die Schule zu bringen, in gefährlichen Gegenden Metalldetektoren, Überwachungskameras installiert und Sicherheitskräfte eingestellt haben.

Die ernüchternde Statistik zeigt, daß die Anzahl der extremen Zwischenfälle an Schulen mit sehr hohen Opferzahlen in den letzten paar Jahren stark gestiegen ist. In weniger als zwei Jahren hat es acht Schießereien von Schülern unter Schülern gegeben, alle weit entfernt von den Problembezirken der Großstädte.

Eine neue Umfrage von CBS/NY Times zeigt, daß 52 Prozent der Teenager in ländlichen Gemeinden jetzt mit der Angst leben, ihre Schule könnte von einem Vorfall wie in Littleton erschüttert werden. Und nicht nur die Schüler leben mit dieser Angst; auch ihre Eltern zeigen Symptome von Streß und Beklemmung beim Thema Schulsicherheit.

Was ist zu tun?

In der traurigen Zeit nach einer Schulschießerei – insbesondere nach einer so schrecklichen wie dem Littleton-Massaker – ist unser erster Impuls, einen Schuldigen auszumachen. Wir wollen wissen, wer möglicherweise fahrlässig gehandelt hat, wer vielleicht mit den Mördern zusammengearbeitet hat, die Tat vielleicht hätte vorausahnen und verhindern können. Wir sind nicht zufrieden mit der einfachen Erklärung, dies alles sei von zwei gestörten Jugendlichen ausgeführt. Wir wollen über die Täter hinausschauen, um die „wirklichen“ Übeltäter auszumachen:

  • Waren die Lehrer oder Schulleiter fahrlässig? Weshalb erkannten sie keine Vorzeichen, bevor die Probleme so fürchterlich hervorbrachen?
  • Was ist mit den Eltern der Todesschützen? Wie konnten vernünftige Eltern nicht wissen, daß ihre Söhne in ihren Schlafzimmern Gewehre aufbewahrten und Rohrbomben in ihren Garagen herstellten?
  • Was läuft, wie auch immer, falsch an unseren Schulen? Weshalb wird unseren Kinder nicht der Unterschied zwischen gut und schlecht vermittelt?
  • Und sind es nicht einschlägige Computerspiele und Horrorfilme, die unsere Jugendlichen gefühllos für den Schmerz und das Leid der realen Menschen und die Endgültigkeit des Todes machen? Wenn wir diese Formen der Unterhaltung verbannten, würde das unsere Schulen wieder sicher machen?

Die Notwendigkeit, einen Schuldigen auszumachen, ist verständlich. Aber wenn wir das eigentliche Problem angehen wollen und wir weitere, zukünftige Tragödien dieser Art verhindern wollen, ist es unbedingt notwendig, zwei Arten der Schuldzuweisung zu unterscheiden: 1) Die Schuldzuweisung, die darauf abzielt, die tatsächliche Ursache des Unglücks finden zu wollen, so daß wir zu einer nützlichen Intervention kommen. 2) Die Schuldzuweisung, die bloße Verdammung ist. Verdammung ist ein beliebter Indoor-Sport. Es läßt uns weniger hilflos fühlen, wenn wir einen vermeintlichen Schuldigen ausmachen, den wir dann weiter verteufeln können.

Wenn wir entscheiden, daß die Schulverwaltung, die mit offenen Augen geschlafen hat, der Schuldige sein muß, können wir fordern, daß der Schuldirektor gefeuert wird. Aber einen Schuldirektor zu feuern ist keine Lösung für das eigentliche Problem. Wenn wir entscheiden, daß die laxe Erziehung der Eltern schuld hat, dann können wir vielleicht die Eltern anprangern und verklagen. Aber auch dies wird das Problem nicht lösen. Diese Schuldzuweisung ist die Reaktion auf einen simplen Reflex. Sie wird uns langfristig nicht nützen.

Rationales Lösen von Problemen kann eine Menge Gutes bewirken. Wir Menschen sind problemlösende Tiere. Wenn eine Tragödie geschieht, wollen wir wissen, warum. Dies ist keine unnütze Neugierde. Wenn wir einen Fall genau nachvollziehen können, dann können wir ihn auch irgendwie wieder in Ordnung bringen. Wann immer zum Beispiel ein Flugzeug abstürzt, wird sehr großer Aufwand betrieben und Zeit investiert, um die Black Box zu finden, selbst wenn sie 250 Meter tief im stürmischen Ozean liegt. Die Black Box wird zum Kristallisationpunkt der ganzen Untersuchung: Wurde ein Fehler gemacht? Gab es eine Materialermüdung, oder ein ausgefranstes Rad, das in der vorangegangenen Inspektion übersehen wurde. War es ein Fehler des Piloten? Konnte sich Eis auf den Flügeln des Flugzeuges anlagern, während es auf der Startbahn wartete? Transportierte das Flugzeug gefährliche Last? Könnte es sich um einen absichtlichen Sabotageakt handeln? Die Untersuchung ist langsam und akribisch. Sie dauert normalerweise mehrere Monate oder sogar Jahre.

In der Zeit nach einer Schießerei in einer Schule sind wir nicht geneigt, uns in Geduld zu üben. Wir sind eher verleitet, nach schnellen Lösungen zu suchen, noch bevor wir die eigentliche Ursache des Problems voll verstehen. Aus diesem Grund stimmte der Kongreß nach dem Massaker von Littleton für eine Abänderung des Gesetzesentwurfs. Dieser neue Gesetzesentwurf sieht unter anderem vor, daß in Schulen die Zehn Gebote der Bibel ausgehängt werden dürfen. „Ich verstehe, daß allein das Aushängen der Zehn Gebote den Geist unserer Nation nicht sofort ändern wird,“ sagte Robert Aderholt, der Förderer der Maßnahme, „aber es ist ein bedeutender Schritt, die Moral zu fördern und so zu verhindern, daß Kinder Kinder töten.“ Wenn es nur so einfach wäre!

Verständlicherweise verlangten die Eltern mehr Sicherheit an Schulen, und die Schulbehörden waren schnell bereit, ihren Wünsche nachzukommen. Schulen im ganzen Land haben überstürzt Metalldetektoren und Überwachungskameras installiert. Spinde wurden herausgerissen und von Schülern wird erwartet, durchsichtige Rucksäcke zu tragen. Andere Schüler wurden angewiesen, gewaltbereite Mitschüler, oder irgendwie auffällig Schüler zu melden. Manche Schulen fordern Persönlichkeits-Tests, um Schüler, die möglicherweise Gewaltpotential entfalten könnten, ausfindig zu machen. Lokale Polizei führt an weiterführenden Schulen SWAT-Trainings durch.

Leitartikler, Fernsehkritiker, Politiker und Öffentlichkeit haben allzu schnell fahrlässige Eltern, laxe Schulleiter, die Medien und die Gesellschaft als Schuldige ausgemacht. Selbsternannte Experten sind im Überfluß vorhanden. Und jeder scheint eine eigene Idee von Ursache und Lösung zu haben. Hier sind die am häufigsten angeführten:

Scheinbar sinnvolle Interventionen
Problems:
kurzfristige Lösung:
nicht ausreichende moralische Erziehung in unseren Institutionen Erlaubnis, in den Schulen zu beten, oder die Zehn Gebote in jedem Klassenzimmer auszuhängen
zuviel Gewalt in den Medien striktere Handhabung von Gewalt-Videos, Fernsehen und Computerspielen
zuviele und zu leicht verfügbare Waffen strengere Kontrollen von Feuerwaffen einführen
Jugendliche haben nicht genügend Respekt Regeln aufstellen, wonach Schüler Lehrer mit „Sir“ und „Ma’am“ anzureden haben
manche Schüler handeln entgegen dem, was als Norm erachtet wird entfernen diese Schüler ausfindig machen und überwachen; sie von den Schulen oder therapieren, bis sie so sind wie alle anderen

Wissenschaftliche Annäherung an das Problem

Wir müssen über die Täter hinausschauen, wenn wir die Zahl der Gewalttaten an Schulen zukünftig reduzieren wollen. Wenn wir diese jüngsten, schrecklichen Gewalttaten an unseren Schulen lediglich als zufällige, von einer handvoll gestörter Jugendlicher begangener Ausnahmefälle ansehen wollten, begingen wir einen gravierenden Fehler. Es ist wichtig, über die Täter auf eine sinnvolle Weise hinauszublicken – mit angemessenen „Werkzeugen“. Bevor wir mit einer Intervention übereilen, müssen wir die eigentlichen Ursprünge des Problems und die Konsequenzen jeder vorgeschlagenen Intervention beachten und verstehen.

Grundsätzlich gibt es zwei Arten der Intervention: Interventionen, die die Wurzel greifen und periphere Interventionen, die das nicht tun. Nach meinem Ermessen, haben manche der in der obigen Tabelle umrissenen „Heilmittel“ Vorzüge, andere hingegen sind nutzlos; wieder andere werden fast sicher eher schaden, als nutzen. Aber sie alle sind periphere Interventionen. Nicht eine einzige von ihnen, nicht einmal die sinnvollen, greifen das Problem wirklich bei der Wurzel. Falls eine periphere Intervention, wie zum Beispiel Waffenkontrolle oder Metalldetektor, sich als nützlich erweist, gibt es keinen Grund, weshalb sie nicht angewandt werden sollte. Aber wir müssen uns bewußt machen, daß das tiefer liegende Problem weiterhin bestehen wird. Und bevor wir irgendeine Art der Intervention durchführen, müssen wir sicher sein, daß ihr Gebrauch durch Beweise unterstützt wird. Die meisten dieser „Hilfsmittel“ entspringen ganz offenkundig eher frommem Wunschdenken oder politischer Berechnung und basieren nicht auf solider wissenschaftlicher Grundlage.

Warum ich das sage? Als Sozialpsychologe habe ich mehr als 40 Jahre damit verbracht zu erforschen, wie sich Menschen verhalten und was uns motiviert uns so zu verhalten, wie wir es tun. Sozialpsychologie ist eine Wissenschaft, die sich mit den wichtigen Aspekten des menschlichen Sozialverhaltens befaßt: Überzeugung, Übereinstimmung, Liebe, Haß, Angriff, Vorurteil und die sozialen Beziehungen der Menschen miteinander. Wenn ich sage, ich habe all dies erforscht, meine ich nicht, ich hätte lediglich menschliches Verhalten beobachtet und spekuliert, was die Ursache dafür gewesen sein könnte. Ich meine damit, daß ich diese Beobachtungen verwendet habe, konkrete Hypothesen aufzustellen und diese Hypothesen auf streng wissenschaftliche Weise zu überprüfen.

Es mag überraschend für die meisten Leser klingen, aber experimentelle Sozialpsychologen verwenden Strategien und Techniken, die funktionell identisch sind mit denen der Forscher in der Medizin, die ein neues Medikament testen. Diese Forscher würden nicht weiter arbeiten dürfen, wenn sie sich erlaubten, sich gänzlich auf nutzlose Spekulationen, Hörensagen, Volksweisheiten oder politische Berechnung zu verlassen, um zu entscheiden, ob dieses oder jenes Medikament gut, schlecht, oder eben gar nicht wirke. Außerdem haben medizinische Forscher gelernt, daß sie sich nicht einfach auf die Meinung ihrer Patienten verlassen können, die behaupten, sich nach Einnahme des neuen Medikaments besser zu fühlen. Auch nach der Einnahme von Zuckerpillen oder Schlangenöl fühlen sich viele Personen besser, und manche können sogar glauben, von einer ernsten Krankheit geheilt zu sein. Das ist der berühmte Placebo-Effekt. Die positiven, durch ein Placebo ausgelösten Gefühle sind von begrenztem und vorläufigem Wert. Jedoch gibt es immer noch viele Menschen, darunter auch manche mit guten Absichten, die meisten jedoch Scharlatane, die aus dem Placebo-Effekt Kapital schlagen, indem sie wertlose, ungeprüfte Substanzen als „magische“ Heilmittel für eine ganze Reihe von Krankheiten von Akne bis Krebs anbieten. Glücklicherweise sind die meisten Verbraucher mittlerweile klug genug, nicht für ungeprüfte Heilmittel viel Geld auszugeben; die meisten von uns verlangen heute strenge, wissenschaftliche Untersuchungen, bevor wir irgendein Medikament zu uns nehmen, um damit eine schwere Krankheit zu kurieren.

Solche wissenschaftlichen Standards sollten auch bei der Erforschung der Beeinflussung des menschlichen Verhaltens nicht weniger wichtig sein – insbesondere, wenn das in Frage stehende Verhalten dysfunktionell oder destruktiv ist. Ohne vorsichtige, wissenschaftliche Untersuchung sind wir geneigt, vom sogenannten „gesunden Menschenverstand“ getäuscht zu werden, ähnlich wie bei einem überzeugenden Hausierer, der uns sein Schlangenöl verkaufen will. Tatsache ist, daß die allgemein gebräuchliche Wahrnehmung häufig falsch ist, und die Konsequenzen tragisch sein können. Zum Beispiel glaubten Politiker und Öffentlichkeit von 1896 bis 1954 an die geltende Doktrin „getrennt aber gleich“. Man glaubte, es sei nicht schlecht, afroamerikanische Schulkinder von ihren weißen Kameraden zu trennen, so lang nur die Schuleinrichtungen annähernd gleichwertig waren. 1954 halfen Sozialpsychologen diese „Politik des gesunden Menschenverstandes“ zu verändern. Unter Verwendung wissenschaftlicher Untersuchungen überzeugten sie den Obersten Gerichtshof, daß die schiere Tatsache des „Getrenntseins“ einen starken und negativen Einfluß auf das Selbstbewußtsein der Jugendlichen der Minorität hatte, ihre Lernfähigkeiten, sowie intellektuelle und emotionale Entwicklung beeinträchtigte. Kurz gesagt ist „getrennt aber gleich“ ein Oxymoron; getrenntsein produziert Ungleichheit.

Welche Weisheit hat also die Sozialpsychologie hinsichtlich verheerender Tragödien, wie dem Massaker von Littleton anzubieten, und wie kann ihnen vorgebeugt werden? In den nächsten Kapiteln werden wir uns die Spekulationen und Heilmittel der obigen Tabelle durch die Linse wissenschaftlicher Studien genauer ansehen. Auf diese Weise hoffen wir den Weizen fundierten Wissens von der Spreu freier Spekulation zu trennen, betrachten aber auch Themen wie die leichte Verfügbarkeit von Waffen und die Auswirkungen medialer Gewalt auf das Verhalten von Kindern und Heranwachsenden. Wir sehen uns außerdem einschlägige Daten zu solchen Interventionen, wie dem Aushängen der Zehn Gebote oder der Anweisung an Schüler, ihre Lehrer mit „Sir“ und „Ma’am“ anzureden an. Das wichtigste ist, daß wir versuchen werden, zu der eigentlichen Wurzel des Übels vorzudringen: Wir werden die in den meisten Schulen dieses Landes vorherrschende soziale Atmosphäre überprüfen und versuchen auszumachen, was sie zu den Tragödien in Littleton, West Paducah, Springfield und anderen Gemeinden in den letzten Jahren beigesteuert haben könnte.

Dieser letzte Punkt verlangt eine ausführliche Darstellung. Es besteht nach meinem Verständnis kein Zweifel, daß diese brutalen Akte krankhaft waren. Die Jugendlichen, die diese fürchterlichen Taten begangen haben, waren gestört. Ihr Verhalten war jenseits aller Vernunft. Aber wenn wir die Ereignisse einfach einer individuellen Störung oder Krankheit zuschreiben und weiter nichts, unterschlagen wir einen Aspekt von äußerst vitaler Wichtigkeit. Bezugnehmend auf meine Erfahrungen mit Schulen in der ganzen Nation, würde ich vermuten, daß die Täter in extremer und krankhafter Weise auf eine allgemeine Atmosphäre des Ausgeschlossenseins reagierten. Dies ist eine Schulatmosphäre, die von den meisten Schülern als unerfreulich, schwierig und erniedrigend empfunden wird. Wenn dies allerdings der Fall ist, könnte ein signifikanter Wechsel der sozialen Atmosphäre im Klassenzimmer Erfolg haben, und aus der Schule einen sichereren Ort machen. Durch die Entschärfung im Voraus, kann eine Situation nicht mehr so leicht eskalieren und in einen Akt extremer Gewalt münden. Dies mag auch dazu beitragen, die Art der sozialen Umgebung zu schaffen, die aus der Schule für die Jugendlichen einen angenehmeren, anregenderen, mehr anteilnehmenden und menschlicheren Ort macht. Dies ist unser eigentliches Ziel.

Warum es wichtig ist, falsche Schlußfolgerung zu vermeiden

Weshalb müssen wir dieses Thema wissenschaftlich angehen? Was ist, angesichts der extremen Bedeutung unseres Problems, falsch daran, viele mögliche Interventionen zugleich zu versuchen, in der Hoffnung, daß eine oder mehrere davon villeicht etwas gutes bewirken? Wie ich bereits früher unterstellt habe, werden manche der scheinbar sinnvollen und vernünftigen Interventionen höchstwahrscheinlich negative oder sogar katastrophale Konsequenzen haben, abhängig davon, was tatsächlich an der jeweiligen Schule passiert. Lassen Sie mich Ihnen ein überzeugendes Beispiel geben. Ein paar Tage nach dem Massaker von Littleton, kam mein 16 Jahre alter Enkel von der Schule nach Hause und sagte: „Stell dir vor! Der Schulleiter hat uns aufgefordert, Einzelgänger und Kinder zu melden, die sich merkwürdig kleiden, oder sich eigenartig benehmen.“

Auf den ersten Blick mag dies wie eine angemessene Vorgehensweise aussehen: Die Authorität möchte lediglich solche Kinder identifizieren, die auf die Beschreibung der Täter von Littleton passen. Kinder, die unausgeglichen zu sein scheinen oder Probleme verursachen könnten. Unbeliebte Kinder, Einzelgänger und Kinder, die schwarze Trainingsanzüge tragen oder irgendwie in anderer Weise auffällig sind. Die Authoritäten können dann ein Auge auf diese Schüler haben, ihnen spezielle, psychologische Beratung anbieten, oder was auch immer. Aber der Schulleiter rückt den Mittelpunkt des Interesses auf den falschen Teil der Ausbildung. Und zwar aus diesem Grund: In meinen Untersuchungen habe ich herausgefunden, daß die soziale Atmosphäre in den meisten Schulen stark konkurrenzbetont, cliquenhaft und ausschließend ist. Die Mehrheit der von mir befragten Teenager leidet unter der allgemeinen Atmosphäre des Spotts und der Ablehnung unter ihren Kameraden. Für sie ist die Erfahrung, Schüler an einer High School zu sein, unbefriedigend. Für viele noch schlimmer als nur unbefriedigend – sie beschreiben es als Leben in der Hölle – wo sie der Outgroup angehören, sich unsicher, unbeliebt, herabgesetzt und gehänselt fühlen. Mit der Anweisung an „normale“ Schüler, „unnormale“ Schüler zu melden, macht der Schuldirektor meines Sohnes durch den bedingungslosen Ausschluß einer ziemlich großen Gruppe von Schülern, deren einziges „Vergehen“ ihre Unbeliebtheit ist, unwissentlich eine schlechte Situation noch schlechter. Mit dieser Intervention, macht er das Leben der sowieso schon unbeliebten Schüler noch mehr zur Hölle.

Es waren zunehmend eine große Anzahl von Schulverwaltungen in Versuchung, diesen Weg einzuschlagen. Sie waren dazu bereit, weil derlei Intervention oberflächlich betrachtet, sinnvoll und unbedenklich zu sein schienen. Überdies war dies aus der Sicht eines Bürokraten eine eigennützige Reaktion. Aus diesem Grund: Falls der Schuldirektor meines Sohnes in der Nachfolgezeit des Massakers von Littleton nichts getan hätte, danach jedoch in seiner Schule eine Schießerei stattgefunden hätte, wäre er in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Wenn die Schießerei in seiner Schule stattgefunden hätte, nachdem er wenigstens den Ansatz unternommen hätte, „eigenartige Außenseiter“ auszumachen, würden ihm nur wenige Menschen einen Fehler vorwerfen. Obwohl die Atmosphäre durch seine Intervention verschlimmert worden wäre, und dadurch zu diesem Resultat beigetragen hätte.

Aus diesem Grund wollen Schulverwaltungen oft einfach irgendetwas tun, das sie dann jedoch davon abhält, sich des eigentlichen Problems anzunehmen. Meiner Meinung nach ist dies die Formel für eine Katastrophe. Wenn meine Schlußfolgerung einen Vorzug hat, könnte sie dazu dienen, die Wichtigkeit ausdrücklich zu betonen, nicht mit unausgereiften Interventionen, die nicht richtig erforscht wurden, zu überstürzen. Aber wir Eltern sind verständlicherweise ungeduldig. Wir sehnen uns nach Handlung und Aktion. Wenn in unseren Schulen irgendetwas kaputt ist, wollen wir es in Ordnung bringen; schnell in Ordnung bringen. Wir sträuben uns, auf Sozialpsychologen, die langwierig erforschen, was zu besseren Ergebnissen führen könnte, zu warten.

Die gute Nachricht ist, daß wir auf die Forschungsergebnisse nicht warten müssen. Die notwendige Forschung wurde bereits unternommen. In der Tat haben Sozialpsychologen in den letzten Jahren diesbezüglich sorgfältige Forschungen betrieben. Wir haben Wege entdeckt und getestet, Schulen von stark konkurrenzbetonten, ausschließenden Orten, wo gemieden wird, wer der falschen ethnischen Gruppe angehört, von der falschen Straßenseite kommt, die falsche Art Kleidung trägt, zu klein, zu dick, zu dünn ist, oder „einfach nicht reinpaßt“, in Orte zu transformieren, wo Schüler gelernt haben, den anderen wertzuschätzen, Einfühlungsvermögen zu erfahren, Mitleid und Respekt für den anderen zu empfinden. Ich habe dies bei unzähligen Anlässen festgestellt: Schüler, die aufgrund ihrer ethnischen Differenzen – oder auch nur weil sie unterschiedlich aussahen oder handelten – Vorurteile hatten, wurden enge Freunde.

Meine Kollegen und ich haben diese kleinen Wunder über zwei Hautwege bewerkstelligt: Der erste Weg beinhaltet spezielle Methoden, Jugendlichen beizubringen, eine größere Kontrolle über ihre eigenen Impulse zu erhalten und wie sie mit anderen zurechtkommen, so daß sie zwischenmenschliche Konflikte einvernehmlich lösen können. Dies wird in Kapitel 5 beschrieben. Der zweite Weg zeigt, wie über das einfache Hilfsmittel der Strukturierung des Klassenzimmers, die gemeinschaftliche Kooperation eher gefördert wird, als konkurrenzbetonter Wettbewerb, und dabei Schüler motiviert, einander respektvoll zuzuhören, zu helfen, und zu beginnen, sich um einander zu kümmern. Die Schüler lernen all dies automatisch und unbewußt, während sie eigentlich Geschichte, Geographie, Biologie und all die anderen traditionellen akademischen Schulfächer lernen – und sie lernen genau so gut oder besser, als in traditionellen Klassenzimmern. Diese Annäherung wird in Kapitel 6 beschrieben.

Im Gegensatz zur ersten Strategie, erfordert die zweite keinen neuen Lehrplan; sie beinhaltet traditionelles Lehrmaterial in nicht-traditioneller Struktur, bei der Kinder am selben Strang ziehen, statt gegeneinander anzutreten. Meine Untersuchungen und die meiner Kollegen haben immer wieder demonstriert, daß Schüler durch enge, kooperative Zusammenarbeit beginnen, die positiven Qualitäten ihrer Klassenkameraden, die sie zuvor nicht wahrgenommen hatten, zu entdecken. Innerhalb weniger Wochen mit dieser Erfahrung beginnen künstliche Barrieren des Ausgeschlossenseins zu schwinden und schließlich gewinnt eine allgemeine Atmosphäre des Respekts, Verständnis und der Annahme die Oberhand. Außerdem kommen diese positiven Folgen nicht auf Kosten der akademischen Leistungsfähigkeit zustande. Im Gegenteil – In den nicht-traditionellen Klassen wird die Lernfähigkeit der meisten Jugendlichen verbessert – sprich, die Schüler schneiden bei Prüfungen besser ab, als in traditionellen, mehr konkurrenzbetonten Klassen..

Dieser Ansatz ist keine unrealistische Hoffnung. Über die letzten drei Jahrzehnte haben meine Kollegen und ich sorgfältige wissenschaftliche Untersuchungen über kooperative Lernstrategien durchgeführt und mit großem Erfolg an hunderten Schulen im ganzen Land angewandt. Die Erkenntnisse unserer Forschungen müssen nur allgemeiner eingesetzt werden, so daß jeder Jugendliche in diesem Land die Gelegenheit hat, die Vorzüge sozialer Integration zu erfahren. In den folgenden Kapiteln werden wir relevante Informationen über die besten Wege, kooperative Lernstrategien anzuwenden, präsentieren und diskutieren, ebenso wie andere bildungserzieherische Reformen – Reformen, die wichtig sind und menschlich, und, das ist das beste, machbar.

Warten Sie noch einen Augenblick. Wenn Sozialpsychologen diese Erkenntnisse vor mehr als zwei Jahrzehnten gewonnen haben, warum wurden diese dann nicht schon vor langer Zeit allgemein umgesetzt? Unglücklicherweise existiert eine breite Kluft zwischen den Erkenntnissen der Sozialpsychologen und der Anwendung ihrer Erkenntnisse durch die maßgeblichen Teile unserer Gesellschaft. Die meisten Sozialpsychologen veröffentlichen die Ergebnisse ihrer Experimente eher in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, die wiederum vornehmlich von anderen Sozialpsychologen gelesen werden – und nicht von der Öffentlichkeit oder von Politikern. Ferner werden die meisten sozialpsychologischen Erkenntnisse im Gegensatz zu denen der medizinischen Forschung, nicht von den Medien aufgegriffen und finden nicht ihren Weg in die Abendnachrichten.

Es ist nicht der Fehler der Medien; im Großen und Ganzen haben wir Sozialpsychologen keinen besonders guten Job gemacht, unsere Erkenntnisse dem Durchschnittsbürger zugänglich zu machen. (Ich bin allerdings geneigt, zu behaupten, daß dies nicht immer der Fall ist. Angesichts eines finanziellen Anreizes, waren die verschiedensten Menschen in der Lage für sie nützliches, in unseren Fachzeitschriften veröffentlichtes sozialpsychologisches Wissen aufzuspüren. Werbetexter und Marketingfachleute haben von unsereren Forschungen Gebrauch gemacht um beispielsweise über die Phänomene der Überzeugungskraft oder die Wichtigkeit der Verknappung die Attraktivität eines Produktes zu steigern. Manager haben unsere Erkenntnisse für erfolgreichen Führungsstil studiert. Menschen, die politische Kampagnen planen wissen etwas von unserer Arbeit über die Wirkungsweise von positiven und negativen Nachrichten. Verfasser von Büchern, die Paaren zum eheliches Glück verhelfen wollen, haben sich eingehend mit unseren Forschungen zu zwischenmenschlicher Attraktivität befaßt.)

Unglücklicherweise ist oft eine Tragödie wie das Schulmassaker von Littleton notwendig, um das öffentliche Interesse zu wecken, die Atmosphäre in unseren Schulen zu verändern und Sozialpsychologen zu motivieren, ihre Erkenntnisse mehr Menschen, die davon Nutzen haben können zugänglich zu machen: Eltern, Lehrer, Politiker und gewöhnliche Bürger. Wissen ist Macht. Gewappnet mit dem Wissen über geprüfte, effektive Interventionen, können Eltern und Lehrer Maßnahmen ergreifen, die Schule ihrer Kinder nicht nur zu einem sichereren Ort zu machen, sondern auch zu einem menschlicheren und mitfühlenderen. Das ist der Grund, weshalb ich dieses Buch geschrieben habe.

Lassen Sie mich eneut die Absicht dieses Buches so klar, kurz und bündig ich kann formulieren: Ich behaupte, daß all diese Schüler quer durch das Land, die Mitschüler töteten, sehr starken Streß durchgemacht haben, als ein Resultat davon ausgeschlossen, verlacht und verhöhnt worden zu sein. Es besteht kein Zweifel, daß ihr Verhalten krankhaft und indiskutabel war. Nach meinem Ermessen war dieses Verhalten allerdings nur die Spitze eines sehr großen Eisberges. Eine allgemeine Atmosphäre des Ausgeschlossenseins bedeutet, daß eine große Anzahl von Schülern eine unglückliche Zeit in ihrer Schule hat. Dementsprechend ist die Absicht dieses Buches nicht einfach der Versuch, krankhafte Verlierer davon abzuhalten, ihre Mitschüler zu ermorden. Vielmehr ist es die Absicht, ein Klassenzimmer zu schaffen, in dem es keine Verlierer mehr gibt. In diesem eigentlichen Sinne, zeigt mein Buch, wie eine Atmosphäre zu schaffen sei, in der niemand zu hassen übrig bleibt. Es beabsichtigt, Eltern und Lehrer mit dem Werkzeug auszustatten, das ermöglicht, die Schule menschlicher und mitfühlender zu gestalten, ohne auf das traditionelle, akademische Material, das Schüler lernen sollen zu verzichten. Es schließt sich keineswegs gegenseitig aus, Biologie, Literatur und Analysis zu lernen, während gleichzeitig, unbewußt wichtige menschliche Werte gelernt werden. Im Gegenteil spricht alles für die Annahme, daß das eine das andere fördert.



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